RUSSISCH

EINE HERZENSANGELEGENHEIT

Trotz der Tatsache, dass die Pflege der Gedenkstätten der Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition in Österreich durch staatliche Gesetze geregelt und aus Budgets unterschiedlicher Ebenen finanziert wird, gibt es Menschen im Land, deren Kindheit durch den Krieg geprägt war. Sie betrachten es als Herzenssache sich freiwillig und unbezahlt früheren und gegenwärtigen Gräber von Rotarmisten und sowjetische Gedenkstätten zu kümmern.  Auch unsere Landsleute und ÖsterreicherInnen bewahren ja die Erinnerung an die Gefallenen. 

Gaubitsch (Niederösterreich) 

70 Kilometer von Wien entfernt, in dem Ort Gaubitsch, gibt es ein bisher nicht erfasstes Soldatengrab. Selbst viele Einheimischen wissen nicht, dass auf dem Kirchenfriedhof ein sowjetischer Soldat begraben ist. Die Inschrift auf dem Grabstein, in Russisch geschrieben, lautet: "Hier ist ein unbekannter Soldat begraben, der 1945 starb.

Mehrfach wollten die lokalen Behörden die sterblichen Überreste des Soldaten der Roten Armee in den sowjetischen Soldatenfriedhof in Laa an der Thaya umbetten lassen und sahen sich jedes Mal dem Protest der lokalen Bevölkerung und der Kirche gegenüber.
Zeugen der Ereignisse von 1945, die inzwischen bereits verstorben sind, erklärten dies damit, dass der beerdigte Soldat eine Einwohnerin aus ihrem brennenden Haus rettete, dabei aber selbst so schwere Verletzungen erlitt, dass er daran verstorben ist.

Mit einem Gefühl der Dankbarkeit für ihr gerettetes Leben bat die Frau um die Erlaubnis, sich um das Grab des Soldaten zu kümmern, solange sie selbst lebte.
Nach ihrem Tod kümmert sich nun eine weitere Dorfbewohnerin um das Grab. Auf die Frage, warum, antwortet sie: "In Russland trauern Mütter und Ehefrauen um ihre Söhne und Ehemänner, ohne zu wissen, wo ihre Gräber sind, und hoffen vielleicht noch, dass sie nach Hause zurückkehren. Wissen Sie, mein Mann und einer meiner Söhne sind in Russland gefallen. Ich weiß immer noch nicht, ob sie begraben wurden und wo. Aber ich glaube, dass es auch in Russland Frauen gibt, die sich um die Gräber deutscher Soldaten kümmern. Deshalb komme ich zu diesem Grab und pflege es."

Obersiebenbrunn (Niederösterreich)

In Obersiebenbrunn (Bezirk Gänserndorf Niederösterreich), wo etwas mehr als 1.600 Menschen leben, gibt es ein symbolisches sowjetisches Soldategrab. Es wird das "russische Grab" genannt. Versteckt vor neugierigen Blicken im Park von Prinz Eugene Castle, erinnert dieses Kreuz an die heftigen Kämpfe, die hier Ende März - Anfang April 1945 stattfanden. Ausser im Park wurden Rotarmisten sowohl an der Kirche als auch auf dem alten Friedhof begraben. Später wurden ihre sterblichen Überreste an einen anderen Ort verlegt, das Kreuz an der Grabstätte im Schlosspark blieb jedoch erhalten.
Der 78-jährige österreichische Schriftsteller Helmut Paholik kümmert sich seit 30 Jahren um die ehemalige Grabstätte. Er wurde in Wien geboren, wuchs aber in Obersiebenbrunn auf, überlebte die Bombenanschläge von 1945 und behielt die Ereignisse des ersten Nachkriegsjahrzehnts stets im Kopf. Seine Erinnerungen hielt der Autor in dem Roman "Der Wendepunkt - das Schicksal des Marchfelds von 1944-1955". Trotz seines fortgeschrittenen Alters und der Übersiedlung in eine andere Stadt besucht Helmut Paholik mehrmals im Jahr das Grab im Park, bringt Blumen und Kerzen. 

Amstetten (Niederösterreich)

In Amstetten wurden die russischen Inschriften des sowjetischen Ehrenmals ins Deutsche übersetzt. Die Initiative zur Übersetzung, den unverständlichen russischen Text ins Deutsche zu übertragen, wurde von der Amstettener Bürgermeisterin Ursula Puchebner unterstützt. Die Stadtverwaltung finanzierte die Installation der Gedenktafel. "Meiner Meinung nach ist dies besonders wichtig für junge Menschen. Die jungen Menschen sollten wissen, dass dies ein Denkmal für das sowjetische Volk ist, das bei der Befreiung unseres Vaterlandes vom Hitler-Regime große Opfer erlitten hat. Als Freund Russlands bin ich nicht nur stolz, sondern auch dankbar für die Bemühungen unserer Gemeinde, den Zustand der sowjetischen Gedenkstätten zu erhalten", sagte der Pensionist, früher ein bekannter österreichischer Politiker, der Nationalratsabgeordnete Günter Kiermaier. Er ist es, der die Idee hatte, die russischen Inschriften ins Deutsche zu übersetzen. 

Das Denkmal für die sowjetischen Befreier befindet sich in einem der Parks der Stadt, der von 1945 bis 1956 den Namen Stalin trug. Der Obelisk wurde am 8. Mai 1946 eröffnet. Daneben befanden sich die Gräber sowjetischer Soldaten und Offiziere, die während der Befreiung der Stadt starben oder an ihren Verletzungen in Krankenhäusern starben. Am 25.November 1957 wurden die sterblichen Überreste der Kämpfer von dort auf den Stadtfriedhof umgebettet, der Obelisk blieb jedoch erhalten.  

Thomasberg (Niederösterreich)

In dem Bergdorf nahe dem österreichischen Edlitz (Niederösterreich) stürzte am Abend des 29.März 1945 ein zweimotoriger Bomber "Mitchell" ab. Die gesamte Besatzung kam ums Leben.

Eine in der Nähe wohnende österreichische Bauernfamilie entkam auf wundersame Weise dem Tod. 
Historiker fanden heraus, dass sich an Bord dieses amerikanischen Flugzeugs, das an die UdSSR als Landleasing geliefert worden war, eine sowjetische Besatzung befand. Es war einer von vielen Kampfeinsätzen, die sich auf Wiener Neustadt, einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt und strategischen Ort mit großen Rüstungsunternehmen konzentrierten.
Die Österreicher erinnern sich, dass die Besatzung des Flugzeugs aus mindestens sechs Personen bestand. "Mitchell" brach durch die Baumkronen und bohrte seine Nase in den weichen Boden am Waldrand. Ebendort begrub die Bauernfamilie dann die Überreste der Piloten.

Teile des Flugzeugs waren über das gesamte Gebiet verstreut. Die großen Teile wurden verschrottet, einige geeignete Teile bei der Restauration der verbrannten Gebäude verwendet. Später wurden die Häuser neu aufgebaut, und nur deshalb blieben Reste des Flugzeugs erhalten. Diese Mitchell-Teile wurden bei der Herstellung des Denkmals für die sowjetischen Piloten verwendet. Es wurde 2015 von Brüdern der gleichen Bauernfamilie errichtet, die den Flugzeugabsturz im Frühjahr 1945 beobachtet hatte. 

FZ "Memory" konnte nur drei aus der Besatzung ermitteln. Es waren Offiziere des 238. Gardebomber-Regiments des 4. Garde-Fliegerkorps.   

TINYAKOV Anatoly Wiktorowitsch, Gardeleutnant, geboren 1918, in der Usbekischen SSR, Fergana Region, Namangan, kehrte nicht von Kampfeinsatz in der Nacht vom 29. auf den 30. März 1945 zurück.
NIKOLAI Fedorovitch Fjodorowistch, Gardeunterleutnant, geboren 1922, Oblast Rjasan, Solotchinsky, Dolginino, kehrte in der Nacht vom 29. auf den 30. März 1945 nicht vom der Kampfeinsatz zurück.
KRASNIKOV Peter Trifonovitsch, Gardeleutnant, 1921, Geburtsort - Region Krasnojarsk, Bogotol, kehrte nicht von Kampfeinsatz in der Nacht vom 29. auf den 30. März 1945 zurück. 

Gusen (Oberösterreich)

Nicht weit vom Haus von Inna Ochten, die aus Weliki Nowgorod Nowgorod nach Österreich kam, begann das Konzentrationslager Gusen 1. 1947 wurde das Lager abgerissen. Auf dem Gelände der ehemaligen Baracken wurden Wohnhäuser errichtet. An dieser Stelle baute Inna zusammen mit ihrem Mann, der Nationalität nach Schwede, auf eigene Kosten eine orthodoxe Kapelle.

"Ich konnte damit nicht leben. Da hatten wir die Idee, eine Kapelle zum Gedenken an die im Lager Umgekommenen zu bauen", sagt Inna Ochten. Nun kommen öfter ehemalige Lagerinsassen und Verwandte der verstorbenen Gefangenen zur  Kapelle. 

Übersetzung Wolfgang Kurka

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