11. März 1946

600.000 Tote stehen vor uns
Fulminante Kanzlerrede bei der Staatsfeier

Anlässlich der Wiederkehr des Tages, an dem sich die gewaltsame Besetzung Österreichs zum achten Male jährt, veranstaltete die Bundesregierung im Großen Musikvereinssaal eine Gedenkfeier, bei der Bundeskanzler Ing. Figl folgende Rede hielt:

11. März 1938, Tag des Opferganges für Österreich und 11. März 1946, Tag der Erfüllung. Zwei nüchterne Daten sind es, doch was dazwischen liegt ist ein Inferno, ist eines der beschämendsten Kapitel der Weltgeschichte. Als ich mich am 11. März 1938 am Ballhausplatz verabschiedete, da klang das Fanal des Abschieds Österreichs an die Welt „Wir weichen der Gewalt“ und „Gott schütze Österreich“, anklagend in mir. Ich habe es niemals vergessen und werde es niemals vergessen. Wieder einmal, wie schon oft im jahrtausendealten Geschehen der Völker, wurde die Kultur, wurde der Geist durch die Barbarei, durch den Stiefel der Gewalt überwältigt. Aber niemals noch geschah es so brutal und so jede Menschenwürde zynisch bewusst verachtend. Die Hunnengeißel kam an die Herrschaft. Geist, Toleranz, Menschenwürde, kurz alles, was für uns den Inbegriff der Kultur bedeutet, sollte restlos vernichtet werden.

Es wäre falsch, am heutigen Tag nur die äußeren Erscheinungen dieses Geschehens erörtern zu wollen, es wäre ebenso falsch, die Folgerungen nur auf den deutschsprechenden Teil Europas beschränken zu wollen. Das Übel  ging viel tiefer. Und das ist es vor allem, was wir uns heute am 11. März nicht nur in Österreich, sondern in der ganzen Welt vor Augen halten müssen. Immer wieder gab es Schlagworte, denen die Menschen und Völker im Laufe der Jahrhunderte zum Opfer fielen, noch niemals aber zeigten sie so unverhüllt den nackten Egoismus der hemmungslosen Machtgier einer Oligarchie von Verbrechern.

War es sonst immer wieder ein Kampf primitiven Herdenbewusstseins gegen die Individualität, so kam diesmal der Hass des geistig, sozial und vor allem menschlich Minderwertigen dazu, der ewige Luziferkomplex, der Urhass des Bösen gegen das Gesunde, Gute.

Wir haben heute den Gedenktag als Tag des Opferganges bezeichnet. Es war ein Tag des Opferganges des einzelnen, des Individuums für Österreich, für jenes Österreich, so wie wir es sahen. Es war ein Tag des Opferganges der Streiter um und für Menschenwürde und Menschentum. Darum wollen wir heute alle Kritik und jede Erinnerung an bittere Enttäuschungen beim Nachbarn, dem persönlichen und staatlichen, beiseitelassen. Die Geschichte wird einst klarstellen, wer in diesen Tagen im größten Einsatz für die Grundgesetze der Persönlichkeit sich bewährte und wer auf der anderen Seite versagte. Wir können das Urteil der Geschichte ruhig abwarten. Und mit uns auch Österreich.

Es ging um die ganze Welt

Am 11. März 1938 ging es gar nicht um Österreich, nein, es ging damals schon um die Welt, die aber noch nicht reif war, um den letzten Sinn dieses Kampfes zu erfassen. Es ging eben um Menschentum und Menschenwürde, niemals aber um irgendein Partei-programm. Wenn uns darum das Verständnis mangelt, das heute noch nach diesem großen Erlebnis eines Opferganges, der jeden von uns hätte zu innerst läutern müssen, da und dort parteitaktische Erwägungen in den Vordergrund der Betrachtung dieser Kampfjahre gestellt werden, so gedenken wir hierbei vor allem der Blutopfer, die alle Parteien ausnahmslos und alle Konfessionen für diesen Kampf gebracht haben und die uns Überlebende zu tiefst verpflichten.

Verehrte Freunde, kommt es denn wirklich darauf an, ob diese oder jene andere Partei um die zwei bis fünf Prozent mehr oder weniger Stimme hat? Ist es nicht wesentlicher, dass wir alle bei aller Gegensätzlichkeit den weltanschaulichen und parteipolitischen Fragen nichts anderes im Sinne haben sollten, als nur den Bestand und vor allem den Wiederaufbau dieses Österreichs und das Wohl des einzelnen Menschen in Österreich?

Nicht auf die Parteisekretariate kommt es an und nicht auf die Mandatare, ja nicht einmal auf die Mitglieder dieser oder jener Regierung, sondern ausschließlich auf das Wohl jedes einzelnen, der Sicherung des Urgesetzes der Menschenrechte in ethischer und materieller Hinsicht. Wenn jemand anderer Meinung ist, beweist er, dass er niemals diesen Opfergang für Österreich mitgegangen ist, und hat damit kein Recht, in der Zeit der Erfüllung dieses Opferganges mitzureden.

Die wahren Kämpfer

Ein Zehntel der österreichischen Bevölkerung wurde das Opfer des Nazi-Barbarismus, Angehörige aller drei Parteien in den Konzentrationslagern, andere in Gefängnissen und Kerkern, und ein großer Teil auf Schlachtfeldern unter Terror für eine fremde, verhasste Idee kämpfend. 600.000 Tote stehen heute in diesem Saal vor uns und verlangen Rechenschaft von uns. Wer wagt es, im An-gesicht dieser Märtyrer, die aus allen Schichten der Bevölkerung, aus allen Parteien stammen, die Volksparteiler und Sozialisten waren, Katholiken und Juden, Kommunisten und Monarchisten, kurz, die alles dies waren und doch wieder nichts anderes als nur — Österreicher, wer wagt es, vor diesen Märtyrern eigene kleine Verdienste um das neue Österreich, unter dem Schutz der Alliierten Mächte errungen, heute herauszustellen. Was wir seit dem Tag der Befreiung in und für Österreich taten, war selbstverständliche Pflicht.

Die wahren Kämpfer für dieses Österreich sind älteren Datums, sie stammen aus der Zeit vor der Befreiung Österreichs bis zum April 1945, sie stammen aber auch — dies muss einmal festgestellt sein, aus der Zeit vor 1938. Wir begrüßen jeden zur Mitarbeit und freuen uns über jede Mitarbeit, aber wir verwahren uns gegen falsche Märtyrergloriolen, wie sie auch getarnt sein mögen.

Vor allem aber verwahren wir uns dagegen, dass heute alles, was ein waschechter Nazi war, plötzlich nur ein getarnter Kämpfer für Österreich gewesen sein will. Abseits von jeder Parteipolitik, im Bewusstsein der Verantwortung ganz Österreichs für seine Märtyrer, verwahre ich mich heute gegen jeden Versuch der Störung des Säuberungswerkes der Regierung. Ich weiß, dass ich hiebei der Zustimmung der Parteien und auch der Alliierten Mächte sicher bin.

Ein Nationalfeiertag

Der 11. März 1938 muss für uns ein Nationalfeiertag werden, ein Feiertag des Herzens und der Gesinnung, ob er nun im Kalender rot angestrichen ist, das ist gar nicht so wichtig. In den letzten Tagen vor dem 11. März haben sich die Katholiken und die Sozialisten in einzelnen Kaffeehäusern und schließlich sogar in den Salons des Kanzlers und des Bürgermeisters zusammengesetzt, die Kommunisten kamen mit Funktionären der letzten Regierung von 1938 zusammen und am 11. März da standen die Arbeiterbataillone in Floridsdorf und in Eisenerz und in Steyr genau so bereit wie die Heimwehrler in den Dörfern und an den Landesgrenzen. Die katholischen Studenten rauften gemeinsam mit den roten Arbeitern auf der Ringstraße gegen die Nazibuben. Was auch vorhergegangen sein mag an Unverständnis und Nichtverstehenwollen, am 11. März stand das gesamte österreichische Volk, wie es auch im einzelnen zur Regierung gestanden haben mochte, eindeutig in gemeinsamer Front im letzten Kampf um die Freiheit dieses Staates. Österreich konnte den offenen Kampf nicht aufnehmen, denn es stand damals allein, seine großen Freunde im Westen und im Osten waren für diesen Kampf noch nicht gerüstet, Österreich hätte nur neue Hekatomben an Blutopfern geben müssen.
Der imperialistische Stiefel des Faschismus begann seinen Marsch über Europa.

  • Foto:  Wiener Zeitung/Sammlung|коллекция "MEMORY"

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