Russisch

Ein Brief aus Stalingrad

Marian Wandl (Übers. von Gertraud Marinelli-König) 

Ich heiße Marian Wandl, vor fünf Jahren hat mich das Schicksal nach Österreich verschlagen. Kürzlich stieß ich beim Ordnen von Dokumenten auf eine Familienreliquie – auf ein Schreiben meines Großvaters an seine große Familie, welches er im Februar 1944 in Stalingrad verfasst hat.

Auf der Postkarte steht in seiner awarischen Muttersprache zuerst eine Aufzählung von Verwandten und Freunden, denen seine Mutter Grüße von ihm ausrichten sollte; er schreibt weiter, dass er sich in Stalingrad an den Ufern der Wolga befinde, wo er bei den Aufräumungsarbeiten der von den Deutschen zerstörten Stadt mithilft. In Erinnerung an meinen wortkarten und strengen Großvater, auf den wir alle sehr stolz sind, habe ich mich entschlossen, seine Geschichte hier zu erzählen.

Aliew Schichabudin Gadschijewitsch wurde am 3. Mai 1925 in eine große awarische Familie im Dorf Tunsi im Gunibskischen Rayon der Dagestanischen Sozialistischen Sowjetrepublik hineingeboren. Es gab für die Völker des Nördlichen Kaukasus keine allgemeine Wehrpflicht, doch 1943 beschloss der noch nicht ganz 18 Jahre alte Schichabudin, sich freiwillig zur Armee zu melden.



Er kam an die Weißrussische Front und wurde als Flakartillerist eingesetzt. Über den Krieg und seinen heldenhaften Einsatz erzählte er in der Familie nur ungern, deshalb gibt es wenige Informationen über diese Periode seines Lebens. Wie aus seinem Schreiben hervorgeht, beteiligte er sich 1944 an Aufräumungsarbeiten in Stalingrad, wo nur 10% der Gebäude intakt geblieben waren und das buchstäblich von Blindgängern und Bomben übersäht war.

Später verschlug ihn der Krieg nach Ostpolen. Zusammen mit seinem Truppenteil marschierte er bis Königsberg. Während der Kämpfe wurde Schichabudin verschüttet und sein Arm wurde schwer verletzt; diesen zu erhalten verdankte er einer Krankenschwester, die ihm dazu geraten hatte, die bereits beschlossene Amputation abzulehnen. Die Kunde über den Sieg 1945 erreichte Schichabudin im Lazarett. Wie er sich später erinnerte, bekamen am 9. Mai 1945 alle Patienten 50 g Spirt, um auf das Kriegsende anzustoßen. Nach Dagestan zurückgekehrt, heiratete Schichabudin, wurde Vater von fünf Kindern und es war ihm ein langes und interessantes Leben beschieden. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Journalist und Übersetzer für die awarische Zeitung „Krasnoje Snamja“ (Rotes Banner). Er wurde mit dem Orden des Vaterländischen Krieges II. Klasse ausgezeichnet. Im Jahr 2000 schied Schichabudin aus dem Leben, einige Wochen vor seinem 75ten Geburtstag. Nach einer Tradition kommen Kinder, Enkel und Urenkel von Schichabudin Aliew einige Male im Jahr im Haus, das er zusammen mit seiner Frau Ajschat in Machatschkala gebaut hat, zusammen, um ihrem Vater und Großvater die Ehre zu erweisen. In diesem Jahr wird es ein besonderes Zusammentreffen geben: am 3. Mai hätte Schichabudin sein 95tes Geburtstagsjubiläum begangen.  

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